Frankfurter Rundschau | 11. November 2024 | Magazin

Die Bekaa-Ebene, Kornkammer des Libanon, wird seit mehreren Wochen von Israel bombardiert. Ein paar verschont gebliebene Höfe dienen als Zufluchtsort für Mensch und Tier.

Arabische Vollblüter preschen durch das Licht der untergehenden Sonne, ihre Hufe wirbeln Sandwolken auf. Unter den aufmunternden Rufen der Angestellten des Stalls, der wie eine kleine Zitadelle am Rande der libanesischen Stadt Bar Elias errichtet wurde, galoppieren sie in einem Kreis entlang der Koppel. Trotz der Schönheit der Szene, die sich am Ende des Tages abspielt, sind die Herzen schwer. Diese Pferde haben die israelischen Bomben überlebt, klaffende Wunden beflecken ihr Fell auf das kleinste Geräusch reagieren sie mit Panik.

Hier, im Zentrum der Bekaa-Ebene, haben achtzehn Pferde, die die Luftangriffe auf den Südlibanon überlebt haben, ein neues Zuhause gefunden. Sie hatten Glück: Ebenso viele starben bei der Bombardierung des benachbarten Stalls, als Israel ab dem 23. September eine große Luft- und dann Bodenoffensive im Libanon startete.

Diese markierte eine blutige Eskalation in dem Konflikt, der seit dem 7. Oktober 2023 zwischen dem israelischen Staat und der Hisbollah besteht, und forderte innerhalb eines Monats mehr als 2000 Tote und 11 000 Verletzte allein im Libanon. Ganze Regionen im Süden des Landes und in der Bekaa-Ebene werden täglich bombardiert, während israelische Truppen versuchen, die Kontrolle über die Dörfer entlang der Grenze zu erlangen.

Die Vollblüter, die aus den Ruinen im Südlibanon gerettet und dann mit Lastwagen abtransportiert wurden, erfordern nun die ständige Aufmerksamkeit der Angestellten des Stalls. „Als sie ankamen, waren sie müde, einige verletzt und die Schwere ihrer Beschwerden zeigte sich erst in den Tagen nach ihrer Ankunft“, sagt Jaafar Araji, 32, der im Stall der Familie arbeitet. „Sie hatten fast die Hälfte ihres Körpergewichts verloren. Wir wissen nicht genau, wie lange sie ohne Futter waren, da ihr Besitzer den Stall in den ersten beiden Tagen wegen der Bombardierungen nicht erreichen konnte.“

Eine Stute mit braunem Fell und einer Wunde an der Flanke schaut uns traurig an. „Sie hatte eine Fehlgeburt, als sie ankam, weil sie so traumatisiert und geschwächt war. Wir sind die ganze Nacht bei ihr geblieben, um sie zu beruhigen und damit sie nicht den Kopf verliert“, sagt er bewegt.

Zakaria Araji, der Stallbesitzer, ernährt und pflegt die vierbeinigen Kriegsüberlebenden auf eigene Kosten. „Als ich den Anruf des Besitzers aus dem Süden erhielt, der mich um Hilfe bat, habe ich sofort zugesagt, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Ich kenne nicht einmal seinen Namen, das ist auch nicht wichtig: Pferde sind unschuldige und reine Wesen, ich muss alles tun, um ihnen zu helfen“, erklärt er und lächelt dabei sanft.

Ali Abbas floh mit 15 Kühen auf einen Bauernhof in Bar Elias. © Philippe Pernot

Der Stall hatte bereits Pferde aus dem syrischen Bürgerkrieg gerettet und wird nun zusätzlich etwa 20 Pferde aufnehmen, deren Besitzer bei einem Luftangriff in Baalbek getötet wurden. „Wenn man sieht, dass Israel Bauernhöfe und Ställe bombardiert und diese unschuldigen Tiere tötet, ist das ungerecht. Selbst wenn ihre Besitzer zur Hisbollah gehörten, was war die Schuld der Pferde?“, sagt Zakaria Araji.

Er und seine Familie führen die geretteten Pferde aus, verabreichen ihnen Medikamente, obwohl es im Libanon keine zuverlässigen – und zugänglichen – Tierärzte gibt, und füttern sie trotz der Inflation und der Schwierigkeit, in Kriegszeiten Heu zu finden.

Die Region um Bar Elias, die mehrheitlich von sunnitischen Muslim:innen bewohnt wird und in der die Hisbollah nicht stark vertreten ist, wird von den israelischen Angriffen relativ verschont. Sie wurde zu einem Zufluchtsort und beherbergt alle Arten von Vertriebenen – sogar die Kühe von Ali Abbas al-Nahri. Der Landwirt und Viehzüchter aus einer Gegend etwa zehn Kilometer weiter nördlich floh mit fünfzehn seiner Holstein- und Montbeliard-Kühe vor den Bombenangriffen. „Israelische Raketen schlugen nur wenige Meter von meinem Hof entfernt ein. Ich habe meine Kühe in einen Lastwagen gepackt und bin weggefahren, ohne auch nur Heu mitnehmen zu können“.

In Bar Elias fand er Zuflucht bei Ahmad Sarati, einem Viehzüchter aus seiner entfernten Verwandtschaft. „Wir können uns nicht auf den libanesischen Staat verlassen, also helfen wir uns gegenseitig“, sagt dieser. Er selbst leidet unter dem Krieg, auch wenn er sich hier in relativer Sicherheit befindet. „Früher haben wir unsere Milch in den Südlibanon und nach Beirut exportiert, jetzt ist das nicht mehr möglich: Die Märkte, Straßen und Fabriken sind geschlossen. Das ist wirtschaftlich sehr hart“, beklagte er.

Auch Ali Abbas al-Nahri leidet weiterhin am Krieg: „Meine Kühe waren am Anfang so verstört, dass sie keine Milch mehr gaben. Und was sie jetzt geben, müssen wir zum Drittel des normalen Preises an die Milchfabriken verkaufen.“ Außerdem ist der Landwirt gezwungen, die Reste seiner Obst- und Gemüseernte an die Nachbarn zu verschenken. Er schätzt seine Verluste auf 35 000 Dollar für die Saison. „Ich hoffe, dass sich die Lage beruhigt, aber es wird immer schlimmer“, sagt er mit müder Stimme.

Der Krieg ist eine Katastrophe für die Landwirtinnen und Landwirte im Libanon – manche bezeichnen ihn sogar als Ökozid Im Südlibanon wurden im Laufe des einjährigen Krieges 2000 Hektar Olivenhaine, Tabakfelder, Bananenplantagen und Obstgärten von israelischen Bomben verbrannt, unter anderem mit weißem Phosphor. Darüber hinaus wurden 12 000 Hektar von ihren geflüchteten Besitzer:innen aufgegeben, während eine Million Menschen durch die Bombardierungen vertrieben wurden.

Charlotte Joubert hat den Hof verlassen. © Philippe Pernot

Während Israel die Felder in Gaza zerstört und eine Hungersnot ausgelöst hat, die die palästinensische Enklave verwüstet, befürchtet man im Libanon, dass dort das gleiche Schicksal drohen könnte.

„In den 13 Jahren, die wir im Libanon leben, haben wir so etwas noch nie erlebt. Es war schon mit der Wirtschaftskrise schwierig, jetzt ist es noch schlimmer geworden, man kann sich kaum noch Brot kaufen“, sagt Khalil al-Shehab, der junge ‚Schawisch‘ (Leiter) des Flüchtlingslagers Nummer 66 in Job Jenine, südlich von Bar Elias. Seine weißen Zelte wirken verloren in einer unendlichen Weite von Feldern, zwischen zwei Bergketten und unter der Weite des blauen Himmels.

„Wir hören die Raketen und Kampfflugzeuge über uns, aber wir sind hier sicher. Andererseits gibt es niemanden mehr, der auf den Feldern arbeiten will“, erklärt er. „Es ist wirklich schwierig, wir verlieren unser mageres Einkommen“. Syrische Landarbeiter im Libanon erhalten oft einen Stundenlohn von ein bis zwei US-Dollar.

Rund um das Lager Nummer 66 liegen zwei Drittel der Felder brach. Khalil al-Shehab findet keine Arbeitskräfte mehr, während 400 000 Menschen den Libanon in Richtung Syrien verlassen haben, das derzeit als sicherer angesehen wird. „Früher wuchsen in der Saison überall Auberginen, Tomaten und Gurken um uns herum. Jetzt gibt es nur noch dieses leere Land.“

Wenn er nicht von der syrischen Armee gesucht würde, um seinen Militärdienst abzuleisten, würde er vielleicht nach Syrien zurückkehren. „Das Regime von al-Assad hat [eine Zielscheibe] auf unsere Köpfe gesetzt, also haben wir keinen anderen Plan, als hier zu bleiben.“ In der Zwischenzeit ist das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), das den 1,5 Millionen syrischen Flüchtlingen im Libanon helfen soll, abwesend.

Gehen oder bleiben? Diese Frage treibt auch die Angestellten von Buzuruna Juzuruna um, der bekannteste agroökologische Bauernhof im Libanon. Rund um ein orange-gelbes Zirkuszelt wachsen Reihen von Obst und Gemüse in Saadnayel, eine Viertelstunde von Bar Elias entfernt, während in der Nähe Ziegen blöken. Menschen aus Syrien, dem Libanon und Frankreich arbeiten gemeinsam für eine biologische und lokale Landwirtschaft: Das Konzept ist revolutionär in einem Land, das von der Agrarindustrie beherrscht wird. Doch auch diese solidarische Oase bleibt vom Krieg nicht verschont. „Wir hören alle Explosionen, die das Tal erschüttern. Ich zögere, nach Frankreich zurückzukehren“, sagt Charlotte Joubert, eine der Mitbegründerinnen des Hofes. „Im Moment sind wir in Sicherheit, aber wie lange noch?“

In der Zwischenzeit haben die 20 Beschäftigten die Ärmel hochgekrempelt, um Kriegsvertriebenen zu helfen. Ein Künstlerehepaar aus Baalbek hat auf dem Hof Zuflucht gefunden, ebenso wie ein Landwirt aus dem Südlibanon. Außerdem brachten Mitglieder des Kollektivs Decken und Matratzen zu einer Gruppe von 75 gestrandeten sri-lankischen Arbeitern einer Fabrik, die aufgrund des Krieges geschlossen wurde.

Fodda, Walid (hinten) und ihre Kinder sortieren Linsen für solidarische Kantinen. © Philippe Pernot

Walid, ein syrisches Mitglied des Kollektivs, siebt Linsen, während er mit seiner Frau Fodda und seinen Kindern zusammensitzt. „Wir schicken sie an Solidaritätsküchen im ganzen Libanon, sie können täglich etwa 300 Menschen mit gesunden und hochwertigen Lebensmitteln ernähren“, erklärt er. Der Bauernhof hat über zwei Tonnen Linsen, aber auch Bohnen, Kichererbsen, Erbsen und Bulgur aus den Vorräten kostenlos verteilt.

„Die Idee hinter unserer Farm war immer die Selbstversorgung und die Ernährungssouveränität im Falle einer Katastrophe: Wir haben acht Jahre lang hart gearbeitet, um das zu erreichen“, sagt Walid stolz. Im Laufe ihrer achtjährigen Erfahrung haben sie sogar eine umfangreiche „Saatgutbibliothek“ aufgebaut. „Wir haben 250 Sorten von Erbgut, genug, um den gesamten Libanon zu versorgen“, sagt Marwan, eines der französischen Mitglieder des Betriebs, stolz. „Wir suchen jetzt nach Möglichkeiten, unsere Saatgutbank im Falle eines Bombenangriffs zu schützen. So wie andere ihre Koffer vorbereiten, packen wir sie in Kisten, die wir an sicheren Orten verstecken.“

Buzuruna Juzuruna ist nun auf der Suche nach Spenden, um ihren solidarischen Betrieb aufrechtzuerhalten. Der Hof leidet unter den steigenden Preisen und ist nicht in der Lage, die üblichen saisonalen Körbe an die Verbraucher:innen zu verkaufen, da die Versorgungsleitungen geschlossen oder sogar bombardiert sind.

Einige Tage nach dem Besuch wurde ein Haus, das einem Hamas-Kader gehörte, nur wenige hundert Meter von dem Bauernhof entfernt bombardiert. Das ist die neue Realität im Libanon: Kein noch so sicherer Ort ist vor Bomben völlig geschützt. Nachdem sie hier acht Jahre lang gepflanzt, angebaut und geerntet hatten, kehrten Charlotte, Marwan und viele andere französische Mitglieder des Bauernhofes ein paar Tage nach unseren Interviews nach Frankreich zurück, um der Gefahr zu entgehen.

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